Alle reden über Selbstorganisation in Unternehmen. Ich finde Selbstorganisation gut und das nicht erst seit ich Selbständig bin, auch schon als Angestellte habe ich diese Freiheit genossen. Was ist denn schlecht daran, wenn Menschen sich so organisieren, dass sie keine klassischen Vorgesetzten mehr brauchen? Wenn Menschen Verantwortung übernehmen und selber entscheiden? Im privaten Alltag brauchen wir schließlich auch niemanden, der uns Entscheidungen abnimmt. Im Job dagegen sind wir es gewohnt, Entscheidungen an unsere Chefinnen und Chefs zu geben oder sie zumindest mit in die Entscheidung einzubeziehen. Nicht, weil wir sie selber nicht treffen könnten, sondern weil wir es uns so antrainiert haben.

Unsere Entscheidungsunfreudigkeit ist antrainiert

Ich kenne viele Firmen, in denen vorgegeben ist, in welchem Hotel man während der Dienstreise schlafen und mit welcher Fluggesellschaft dorthin geflogen werden soll. Und die Dienstreise muss dann natürlich noch doppelt gegengezeichnet werden. Aber auch in fachlichen Themen ist das so. Oft haben Vorgesetzte die Themenverantwortung obwohl sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darin viel besser auskennen als die Vorgesetzten selbst. Manchmal habe ich den Eindruck, als seien Strukturen und Prozesse gezielt so gebaut, dass Verantwortung zu übernehmen nicht gewünscht ist. Denn das würde ggf. einen Machtverlust der Vorgesetzten bedeuten.
Macht das Sinn? Nein! Und trotzdem halten viele an diesen Strukturen fest. Wir haben abtrainiert bekommen, Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir dann, vor allem am Anfang unseres Berufslebens, voller Elan Entscheidungen treffen oder auf Veränderungen drängen, dann werden wir sofort ins unsere Schranken verwiesen. Und das meistens nicht sehr freundlich

Absicherungswahn statt Entscheidungsfreude

Das Ergebnis: Menschen, die sich andauernd absichern. Die jede e-Mail speichern, die Führungsriege immer mit in den Verteilerkreis aufnehmen. Oder jede kleine Entscheidung wird intern koordiniert und auch hier wird immer sichergestellt, dass die übergeordnete Riege mit an Bord ist. So sind am Schluss nämlich auch die anderen schuld, wenn etwas schiefgeht. Hauptsache, man steht selbst nicht in der Schusslinie!

Zeit also für Entscheidungsfreude.

Und genau deswegen ist die aktuelle Diskussion über Selbstorganisation so gut. Sie lässt uns neu darüber nachdenken, wie Arbeit noch so aussehen kann. Wir können neu entdecken, welches Potenzial in unserer Berufswelt steckt, in der der Mut zum Entscheiden zu unseren Leitprinzipien gehört. Es geht darum, die Gewohnheiten und die gewachsenen Strukturen der letzten Jahrzehnte auf den Kopf zu stellen. Entwicklung passiert nur außerhalb der Komfortzone.

Entscheidungsmut mach lebendig

Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn wir unsere Entscheidungsspielräume ausdehnen, passiert Wunderbares. Am Anfang fühlt sich das noch ungewohnt an; aber auch erfüllend. Wir fühlen uns wirksamer, produktiver und machen die Erfahrung, dass es gar nicht so schlimm ist, auch mal den Kopf dafür hinzuhalten. Unsere Entscheidungen müssen nicht allen gefallen. Viel wichtiger ist doch, dass wir entscheiden! Und zwar klug mutig und bewusst!